Was ist ein Sirin? Über den Namen eines Verlags und den Vogel, der ihn trägt

Was ist ein Sirin? Über den Namen eines Verlags und den Vogel, der ihn trägt

Hinter dem Namen Sirinpress verbirgt sich mehr als ein Klang. Er führt zurück in die slawische Mythologie, in Nabokovs Berliner Exiljahre – und zur Frage, was Literatur im besten Fall vermag.

Vladimir Nabokov

Vladimir Nabokov (1899–1977), der unter dem Pseudonym W. Sirin schrieb. | Illustration: Sirinpress

Verlage wählen ihre Namen selten zufällig. Insel, Suhrkamp, Hanser – jedes dieser Häuser trägt eine Bedeutung, die über das Firmenschild hinausweist, auf eine Haltung, eine Poetik, manchmal auf eine ganze Weltanschauung. Wenn unser neuer Verlag Sirinpress seinen Namen trägt, lohnt es sich, diesem Wort nachzugehen. Der Sirin ist keine erfundene Marke und keine klingende Silbenfolge ohne Referenz. Er ist eine Gestalt aus der slawischen Überlieferung – und zugleich das Pseudonym eines der bedeutendsten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts.

Der Vogel aus der Sage

Der Sirin ist eine Gestalt der slawischen Mythologie: ein Zaubervogel von paradiesischer Schönheit, dessen Gesang seit jeher als Verheissung von Glück gilt – ein Wesen zwischen Diesseits und Traum. Wir haben ihn für unser Emblem in die Form eines Schwans übersetzt: ein Tier, das in der europäischen Bildsprache seit Jahrhunderten für Verwandlung, Anmut und eine gewisse stille Unnahbarkeit steht. Der Sirin ist damit kein blosses Wappentier. Er ist ein Versprechen: dass unsere Bücher an der Oberfläche schön und einladend sein dürfen und darunter doch etwas Vertracktes, Kunstvolles verbergen.

Ein Pseudonym aus dem Berliner Exil

Vladimir Nabokov, 1899 in St. Petersburg geboren, floh 1919 mit der weissen Emigration nach Westeuropa. Zwischen 1922 und 1937 lebte er im Berliner Exil und veröffentlichte dort einen grossen Teil seines Frühwerks – darunter «Maschenka», «Die Gabe» und «Einladung zur Enthauptung» – unter dem Pseudonym „W. Sirin". Es war eine Zeit der Entwurzelung, in der die russische Sprache für ihn zur einzigen verbliebenen Heimat wurde.

Mitten in dieser Zeit, im Februar 1925 – praktisch zeitgleich mit dem ersten grossen Boom von Worträtseln in den deutschen Zeitungen –, erfand Nabokov für die Exilzeitung „Rul’" das allererste Kreuzworträtsel in russischer Sprache: die „Krestoslovitsa", wörtlich das „Kreuz-Wort". Für ihn war das kein Zeitvertreib zwischen den eigentlichen Arbeiten. Nabokov, der später auch für seine kunstvoll komponierten Schachprobleme bekannt wurde, verstand die Konstruktion eines Rätsels als das, was sie ist: ein architektonischer Akt, eine Übung darin, eine Sprache im Exil elastisch und lebendig zu halten, wenn ihr der angestammte Boden fehlt.

Diese Haltung findet sich in „Die Gabe" wieder, wo sein Protagonist Fjodor lange über das Konstruieren von Kreuzworträtseln nachdenkt. In der Struktur des Rätsels sieht Nabokov das Urprinzip seines eigenen Schreibens: das Verbergen von Mustern, das Auslegen falscher Fährten und das Schaffen innerer Symmetrien. Das Kreuzworträtsel ist bei ihm kein simpler Zeitvertreib für die Masse, sondern ein intellektuelles Duell zwischen zwei Einsamkeiten – dem Konstrukteur und dem Löser.

Uns interessiert an dieser Geschichte die Haltung, nicht die Herkunft. Was Nabokov für sich selbst entdeckte, machen wir zum Programm – nicht für Worträtsel allein, sondern vor allem für die grosse Form der fiktionalen Geschichte.

Literarische Camouflage

Wir nennen das literarische Camouflage: das Verbergen von Mustern, das Auslegen falscher Fährten, das Anlegen innerer Symmetrien, die eine Leserschaft erst beim zweiten oder dritten Lesen entdeckt. Im Zentrum unseres Programms stehen Romane und Kriminalromane – ergänzt durch literarische Rätselbücher, in denen sich dasselbe Prinzip unmittelbar in Buchstaben und Gittern zeigt. Allen dreien begegnet man vielerorts noch immer mit einer gewissen Herablassung, als seien sie die kleinen Geschwister der eigentlichen Literatur. Wir sehen das anders. Ein gut konstruierter Plot ist für uns kein simpler Mechanismus, sondern ein filigranes Bauwerk aus Sprache, in dem jedes Wort seinen Platz hat. Wir behandeln die vermeintlich „niederen" Formen der Unterhaltungskultur mit derselben ästhetischen Strenge und architektonischen Präzision, die man sonst nur der Hochliteratur zubilligt.

Sirinpress Logo

Das Verlagszeichen von Sirinpress: der Schwan über dem Kreuzworträtsel-Gitter. | © Sirinpress

Ein Verlag für Geschichten mit Struktur

Sirinpress ist der neue Zweitverlag von Digiboo aus Küsnacht. Er bietet einer Literatur ein Zuhause, die zwischen grossen Programmen sonst leicht verloren geht – Literatur, die klug unterhält, ohne ihre ästhetischen Ansprüche an der Garderobe abzugeben. Der Sirin als Schwan, verschränkt mit dem Gitter des Rätsels, steht deshalb auch für dieses Vorhaben: eine Form von Eleganz, die sich nicht unterordnet, und eine Struktur, die Raum lässt, statt einzuengen.

Lesen heisst bei uns: mit jeder Seite entscheiden, ob man das Muster durchschaut oder sich ihm überlässt – oder, wie es sich für ein gutes Buch gehört, ein wenig von beidem zugleich. Schreiben heisst bei uns: ein verborgenes System konstruieren, Muster legen, die erst im Rückblick sichtbar werden, und Fährten legen, die woandershin führen, als man zunächst glaubt.


Sirinpress ist ein Imprint der Digiboo GmbH, Küsnacht (Schweiz).

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