Die Kunst des Weglassens: A. de Castellanes „Die Dreier-Regel“

Die Kunst des Weglassens: A. de Castellanes „Die Dreier-Regel“

Ein Journal über fokussiertes Arbeiten stellt eine provozierende These auf: Weniger ist nicht nur schöner – es ist produktiver. Was steckt hinter dem Prinzip, das Dieter Rams und Cal Newport als Gewährsleute bemüht?

Die Dreier-Regel

«Die Dreier-Regel» von A. de Castellane, Sirin Press 2025. | © Sirin Press

Es gibt Bücher, die ihre Botschaft bereits im Format vermitteln, bevor man eine einzige Zeile gelesen hat. A. de Castellanes Journal „Die Dreier-Regel – Ihr Journal für Klarheit und Produktivität“ ist ein solches Buch: schmal, übersichtlich, ohne überflüssige Seiten. Als hätte der Verlag Sirin Press sichergestellt, dass das Objekt selbst die Predigt des Inhalts vorwegnimmt.

Die Predigt lautet: Konzentriere dich jeden Tag auf nicht mehr als drei Aufgaben.

Das klingt zunächst wie ratgeberliterarische Bescheidenheitsgeste, wie das Lippenbekenntnis einer Zunft, die seit Jahrzehnten mit Prioritätenmatrizen, Pomodoro-Timern und wöchentlichen Zielhierarchien die westliche Bürokultur traktiert. Doch de Castellane argumentiert ernster, als das Genre es zunächst vermuten lässt.

Die Psychologie des Dreier-Prinzips

Der Ausgangspunkt ist neuropsychologisch: Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie, die systematisch das Falsche belohnt. Beschäftigkeit gilt als Tugend, der überfüllte Kalender als Ausweis der Unverzichtbarkeit. Das Ergebnis ist bekannt: kognitive Erschöpfung, Entscheidungsmüdigkeit, und – paradox – ein zunehmendes Gefühl der Wirkungslosigkeit trotz rastloser Aktivität.

Die Antwort des Buches greift auf den sogenannten Zeigarnik-Effekt zurück, ein klassisches Phänomen der Gedächtnispsychologie: Unerledigte Aufgaben persistieren im Arbeitsgedächtnis und belasten die kognitive Kapazität. Eine nicht enden wollende To-Do-Liste ist kein Motivationsinstrument, sondern eine Quelle chronischer Angst. Die Dreier-Regel kehrt diesen Mechanismus um: Wer täglich nur drei klar formulierte Intentionen verfolgt und diese abschließt, erfährt das Dopaminschema des Erfolgs – und macht es zur Gewohnheit.

De Castellane unterscheidet dabei konsequent zwischen Ziel und Intention – eine Differenzierung, die psychologisch stichhaltig ist. Ein Ziel definiert ein Ergebnis und schafft damit die Voraussetzung fürs Scheitern. Eine Intention verpflichtet auf den Prozess: „Meine Intention ist es, 90 Minuten konzentriert an der Einleitung von Projekt X zu arbeiten“ – formuliert, was getan wird, nicht was erreicht werden soll. Das entlastet, ohne die Ernsthaftigkeit des Vorhabens zu mindern.

Ein physisches Objekt als Gegenmodell

Was das Journal von seinen digitalen Konkurrenten unterscheidet, ist seine bewusste Materialität. De Castellane plädiert für die Handschrift nicht aus Nostalgie, sondern aus neurologischer Überzeugung: Das motorisch-sensorische Feedback beim Schreiben aktiviert größere Hirnareale als das Tippen und erzeugt eine tiefere kognitive Verarbeitung. Das Aufgeschriebene wird stärker verinnerlicht, das Versprechen an sich selbst gewinnt den Charakter eines Vertrags – einzigartig in der Handschrift, unwiderruflich im Format.

Das Journal bietet 120 Tagesseiten, strukturiert in Morgenintention und Abendreflexion, und folgt damit einem Rhythmus, der sich mit der Gewohnheitsforschung deckt: 66 bis 120 Tage gelten als Schwelle, ab der neue Verhaltensmuster tief im Alltag verankert werden.

Die typografischen Entscheidungen unterstreichen den Ansatz: Die Playfair Display für Überschriften und die für maximale Lesbarkeit entwickelte Atkinson Hyperlegible als Brotschrift. Auch die Formgebung hat ihre intellektuelle Genealogie – de Castellane beruft sich explizit auf Dieter Rams, dessen Prinzip „weniger, aber besser“ er ebenso zitiert wie die Modemacherin Jil Sander: „Ich denke, es gibt immer einen Weg, die Dinge einfacher zu machen.“ Eine ungewöhnliche Kombination im Produktivitätsdiskurs, die dem Journal eine ästhetische Dignität verleiht, die das Genre selten anstrebt.

Ein Buch für eine überforderte Zeit

Man muss der Dreier-Regel keine revolutionäre Originalität bescheinigen. Die Verweise auf James Clear, Cal Newport und Gary Keller markieren eine Tradition, die in der angloamerikanischen Ratgeberliteratur seit Jahren präsent ist. Was de Castellane leistet, ist eher die konsequente Reduktion: Er destilliert diese Tradition auf ihren Kern und gibt ihr ein physisches Gefäß.

Das ist nicht wenig, in einer Zeit, in der das Produktivitätsparadox – je mehr Werkzeuge, desto mehr Erschöpfung – zum Massenphänomen geworden ist. „Die Dreier-Regel“ stellt sich gegen die digitale Beschleunigung nicht mit Luddismus, sondern mit Eleganz. Das Buch versteht sich als täglichen Vertrag mit sich selbst. Ob man ihn hält, liegt, wie bei allen Verträgen, allein beim Unterzeichner.


„Die Dreier-Regel – Ihr Journal für Klarheit und Produktivität“ von A. de Castellane. Erschienen 2025 bei Sirin Press, Küsnacht (Schweiz). 120 Tagesseiten. ISBN 978-3-03997-001-8.

Das Journal ist im Sirin Press Shop erhältlich: Jetzt bestellen →

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