Erstes Schweizer Kreuzworträtsel, Tages-Anzeiger Zeitbilder, Februar 1925

Das Kreuzworträtsel in der Schweiz: Vom amerikanischen Import zum nationalen Kulturgut

Das Kreuzworträtsel eroberte die Schweiz im Frühjahr 1925 im Sturm. Was als urbane Modeerscheinung begann, entwickelte sich rasch zu einem festen Bestandteil der Schweizer Presse- und Alltagskultur – und, ein Jahrhundert später, zu einem Ritual, das für viele untrennbar mit dem Morgenkaffee verbunden ist.

Ursprung und globaler Transfer

Die moderne Form des Kreuzworträtsels wurde am 21. Dezember 1913 in den USA geboren. Der aus Liverpool stammende Journalist Arthur Wynne veröffentlichte in der Weihnachtsbeilage der Zeitung «New York World» ein diamantförmiges Rätsel mit hohlem Zentrum, das er «Word-Cross Puzzle» nannte. Ein Setzfehler drehte den Namen wenig später dauerhaft zu «Cross-Word» um. Nach dem Ersten Weltkrieg schwappte die Welle nach Europa: England folgte 1922, Frankreich und Deutschland Anfang bis Mitte der 1920er-Jahre – nicht zuletzt befeuert durch das erste eigenständige Rätselbuch, das der New Yorker Verlag Simon & Schuster 1924 herausbrachte.

Der Schweizer Durchbruch 1925

In der mehrsprachigen Schweiz fiel der Trend auf fruchtbaren Boden, wobei sich die Sprachregionen unterschiedlich orientierten: Während die Romandie das «Mots-croisés»-Fieber direkt aus Paris importierte, blickte die Deutschschweiz nach Berlin und in die USA. Als erstes belegtes Schweizer Kreuzworträtsel gilt jenes, das der Tages-Anzeiger am 28. Februar 1925 in seiner renommierten Wochenbeilage «Zeitbilder» abdruckte. Nur wenige Tage später zog die Schweizer Illustrierte Zeitung nach – ein Abdruck, der in der breiten Öffentlichkeit als eigentlicher Startschuss für die Popularisierung des neuen Denksports gilt. Zürich wurde damit, neben Paris und Berlin als Impulsgebern, zu einem eigenen kleinen Epizentrum der jungen Schweizer Rätselkultur.

Zwischen Bildungsanspruch und Kulturkritik

Die Einführung des Rätsels war hierzulande von einem lebhaften Diskurs begleitet, wie er sich in ganz Europa jener Jahre beobachten lässt. Kritiker witterten im «Buchstabenraster» eine mechanische Beschäftigung für Denkfaule und eine Ablenkung von seriöser Lektüre; die Verlage hielten dagegen und stilisierten es zum Werkzeug der Volksbildung. Das Rätsel traf damit einen Nerv des bildungsbürgerlichen Zeitgeists: Es war spielerisch, verlangte aber dennoch Allgemeinwissen, Konzentration und Disziplin – Tugenden, die in der Schweizer Presse jener Zeit hochgehalten wurden.

Ein typografisches Kuriosum: SS statt ß

Eine Besonderheit, die Schweizer Rätsel bis heute von deutschen und österreichischen unterscheidet, hat mit der Schriftsprache selbst zu tun: Ab den späten 1930er-Jahren verzichteten Schweizer Schulen zunehmend auf das «ß» – der Kanton Zürich als bevölkerungsreichster Kanton schrieb es seinen Schulen per 1. Januar 1938 nicht mehr vor. Offiziell abgeschafft wurde der Buchstabe nie, er verschwand aber schleichend aus dem Schulalltag und damit auch aus den Redaktionsstuben. Für Rätselmacherinnen und -macher hatte das einen angenehmen Nebeneffekt: Wo deutsche Blätter bis heute überlegen müssen, ob ein «ß» ein oder zwei Rätselfelder beansprucht, gilt in der Schweiz seit jeher die einfache Regel «ein Buchstabe, ein Feld».

Entwicklung und Schweizer Eigenheiten

Ab den 1930er-Jahren etablierten die grossen Verlage eigene Rätselredaktionen, die den anspruchsvollen, sprachlich präzisen Stil der Schweizer Rätselkultur über Jahrzehnte prägten – die einzelnen Redaktoren sind historisch allerdings nur lückenhaft dokumentiert. Später bauten auch die Publikumsmedien der Grossverteiler, allen voran Coopzeitung und Migros-Magazin, eigene, bis heute stark genutzte Rätselseiten auf. Im Zuge der Mundart-Renaissance der 1980er- und 1990er-Jahre entstanden zudem vereinzelt Schweizerdeutsche Kreuzworträtsel – ein sympathisches Nischenphänomen, das an der fehlenden einheitlichen Schreibweise des Dialekts (man denke an «Chuchichäschtli») bis heute seine liebe Mühe hat. Während des Zweiten Weltkriegs schliesslich bot das Rätsel der Bevölkerung im Rahmen der «Geistigen Landesverteidigung» eine willkommene, günstige Ablenkung im Alltag einer von Pressezensur und Anspannung geprägten Zeit.

Moderne Fortsetzung in der Romandie: A. de Castellane

Wie lange die einzelnen Rätselredaktionen der grossen Verlage im Detail bestanden, lässt sich historisch oft nur lückenhaft rekonstruieren. Bei der Tribune de Genève lässt sich die Tradition sprachlich präziser Rätsel jedoch mit einem Namen verbinden: A. de Castellane, geboren am 11. Juni 1979 in Carouge. Fünfzehn Jahre lang redigierte er die Kreuzworträtsel der Tribune de Genève und verfasste von Beginn an eigene Rätsel dazu.

Für de Castellane stand das Rätsel im Zeichen unerbittlicher Ökonomie: Jedes Wort musste sich seinen Platz verdienen. Seine Kreationen waren thematisch streng kuratiert, inhaltlich dicht und kulturhistorisch fundiert – gedacht für Leserinnen und Leser, die Präzision schätzen und für die sich Vergnügen und intellektueller Gewinn nicht ausschliessen. Diese Prägung trägt er heute in neue Formate: Bei Sirin Press erscheinen die Rätseljournale «The Rule of Three» und «Die Dreier-Regel», ein Jugendroman ist in Vorbereitung.

Fazit

Die exakten Anfänge der Schweizer Rätselgeschichte bleiben im Detail leicht unscharf, da historische Beilagen nicht lückenlos archiviert wurden. Historisch belastbar lässt sich aber festhalten: Ab dem Frühjahr 1925 etablierte sich das Kreuzworträtsel im Zuge einer europaweiten Modewelle als fester, bildungsorientierter Bestandteil der Schweizer Presselandschaft – und ist es, hundert Jahre später, in Zeitung, Zeitschrift und Kaffeepause noch immer.

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